Nora

Nora

2006, Roman, Rowohlt Berlin

Zwei Lebenswege kreuzen sich, zwei Frauen treffen aufeinander, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben: Nora, Mitte vierzig, die vor zwei Jahrzehnten aus Deutschland fort und nach New York gezogen ist, will keine feste Bindung eingehen. Amy, eine junge Amerikanerin, führt eine Bilderbuch-Ehe in einem Vorort in New Jersey – bis ihr Mann beim Anschlag auf das World Trade Center ums Leben kommt.
 Nach dem Anschlag werden in Nora alte Ängste wieder wach, und sie begreift, dass die Vergangenheit nicht vergangen ist. Auch ihr Leben wurde einst vom Terror aus der Bahn geworfen. Als der Zufall sie mit Amy zusammenführt, steigert sich ihr Mitgefühl, ihre Identifikation mit der Fremden, zur Obsession. Sie will wissen, was aus Amy wird, und folgt ihr. Nora wird zur Stalkerin. 
Klar und einfühlsam erzählt Pia Frankenberg von der Macht der Vergangenheit und der Zerbrechlichkeit des Glücks. Ein Roman über Schicksalsschläge und Selbstbehauptung – und über die destruktive und heilsame Kraft der Liebe.

 

Leseprobe


Nora

Nora schloss die Augen. Mit einem Mal sah sie wieder die junge, blonde Frau irgendwo in einem der zahllosen Vororte in New Jersey. Ich weiß, dass er nicht wiederkommt, sagte sie der Fernsehreporterin ins Mikrofon. Sie weinte nicht. Die junge Frau stand auf der Veranda ihres Hauses und sprach von Glück. Der Sender brachte einen Videofilm. Er zeigte den Mann, der nicht nach Hause kommen würde, mit zwei kleinen, etwa drei – und sechsjährigen Mädchen. Sie trugen Halloween-Kostüme, die Ältere ging als Prinzessin und die Kleine verschwand beinahe in einer dicken orangefarbenen Kürbishülle. Der Ehemann und Vater jagte seine lachenden Töchter Laub aufwirbelnd über den Rasen, die Kamera schwenkte auf sein Gesicht, an dieser Stelle brach der Film ab.
Er hat mich jeden Morgen zum Abschied geküsst, sagte die Frau. Er hat es nie vergessen, kein einziges Mal. Nächsten Monat ist Halloween. Was soll ich den Kindern sagen?
Sie blickte direkt in die Kamera, ihre Augen glänzten. Außer dem leisen Rauschen der Bäume in dem Garten in New Jersey war es still. Im Hintergrund ertönte die tränenerstickte Stimme der Reporterin.
Es tut mir so leid, Amy…
Mit einem Ruck richtete Nora sich auf.
„David? David, bist du wach?“
Sie hörte seinen gleichmäßigen Atem und fühlte die Wärme an ihrer Seite, als er sie unter der Decke umarmte.

 

Kritiken


Ein sehr gut erzähltes „amerikanisches“ Buch einer deutschen Autorin
Deutschlandradio „Büchermarkt“

Frankenberg verzichtet auf eine wortgewaltige Darstellung der Geschehnisse; knapp und unprätentiös schildert sie, wie Nora die zerfetzten Gebäudeteile im Fernsehen betrachtet und irgendwann eine Reportage über eine junge Witwe in New Jersey anschaut. Die Autorin verzichtet auf ein effekthaschendes Schreiben und labt sich nicht am Unglück ihrer Figuren, stattdessen stellt sie eine interessante Parallele zwischen der Terrorismushysterie in der Bundesrepublik der siebziger Jahre und dem angespannten gesellschaftlichen Klima in den Vereinigten Staaten nach den Anschlägen her.
 Es geht um die Vernarbungen traumatischer Erlebnisse, um schwierige Mutter-Tochter-Verhältnisse und darum, wie mühselig sich das alltägliche Zurechtkommen nach extremen Erfahrungen gestaltet. Auch die nur einseitig bestehende Frauenbeziehung ist ein klug eingesetztes Spannungselement. «Nora» ist die Geschichte einer Verpuppung. Am Ende beginnt für beide Frauen etwas Neues.
Neue Zürcher Zeitung

Seltsamerweise liegt etwas Tröstliches in diesem von trauriger Thematik bestimmten Buch. Ganz beiläufig, ohne moralisierend den Finger zu heben, weist die Autorin darauf hin, daß es kein besseres Angebot gibt als das Leben, so wie es ist.
Hamburger Abendblatt

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